Manche Wachstumsinitiativen werden zu «Zombie-Projekten». Die Fähigkeit, sie zu stoppen, kann den Unterschied machen zwischen strategischem Erfolg, unnötig gebundenen Ressourcen, hohen Opportunitätskosten und sinkender Veränderungsbereitschaft. Wann lohnt sich Dranbleiben, wann der konsequente Abbruch? Die wirksamsten Hebel liegen vor dem Start und in einer objektiver Projektbewertung.
Inhaltsverzeichnis
- Wenn aus Wachstumshoffnung ein Risiko wird
- Warum rechtzeitiges Stoppen entscheidend ist
- Wieso Führungskräfte an aussichtslosen Projekten festhalten
- Wann Dranbleiben richtig ist – und wann nicht
- Der wirksamste Hebel liegt vor dem Start
- Steuern statt hoffen: methodische Bewertungskriterien
- Das Team auf den Stopp vorbereiten
- Wie gestoppte Projekte zu strategischen Chancen werden
- Weshalb der Blick von aussen entscheidend sein kann
- Fazit
Wenn aus Wachstumshoffnung ein Risiko wird
Eine neue Wachstumsinitiative startet mit Rückenwind. Die Idee überzeugt, das Budget steht, das Team ist motiviert und hat die Ziele gesetzt: neue Märkte erschliessen, Umsatzpotenziale heben, die Wettbewerbsposition stärken.
Bereits nach wenigen Monaten zeigen sich jedoch erste Risse im Fundament. Die Kosten übersteigen die Prognosen, die Umsetzung erweist sich als aufwendiger als erwartet, der adressierbare Markt ist kleiner als angenommen, die Pilotkunden bleiben aus.
Trotzdem läuft das Projekt weiter. Weil bereits zu viel Zeit und Geld geflossen sind, um jetzt noch auszusteigen. Die Verantwortlichen verlängern das Budget Quartal für Quartal – in der Hoffnung auf den Durchbruch, der nie eintritt.
Solche Vorhaben verharren als «Zombie-Projekte» und sind in Unternehmen keine Seltenheit. Laut einer grossangelegten, weltweiten Studie arbeiten 44% der 8'000 Befragten in Projekten, die nicht den erhofften Nutzen liefern und trotzdem weiterlaufen1.
Warum rechtzeitiges Stoppen entscheidend ist
Die Verantwortlichen müssen Initiativen laufend nüchtern überprüfen und bei Bedarf konsequent stoppen. Fehlt dieser Mechanismus, droht das unwirtschaftliche Fortführen von Wachstumsprojekten. Die Konsequenzen reichen weit über verschwendete Budgets hinaus:
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Ressourcen – sowohl finanzielle als auch personelle – bleiben in Vorhaben gebunden, deren Perspektive längst eingetrübt ist, und fehlen für aussichtsreichere Alternativen. Diese Opportunitätskosten tauchen in keiner Erfolgsrechnung auf und bleiben dennoch real.
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Erleben Mitarbeitende, dass selbst aussichtslose Projekte nicht gestoppt werden, sinkt ihre Bereitschaft, Annahmen zu hinterfragen, und erhöht sich deren Skepsis gegenüber neuen Vorhaben, was die Veränderungsbereitschaft untergräbt.
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Bleiben schlechte Zahlen folgenlos, senkt das die Verbindlichkeit in der Organisation. Ziele, Budgets und Reviews verlieren dann ihre steuernde Wirkung.
Dabei ist das Scheitern einzelner Initiativen nicht das eigentliche Problem, denn Wachstum ohne Fehlschläge gibt es nicht. Problematisch ist das Unvermögen, rechtzeitig zu stoppen.
Wieso Führungskräfte an aussichtslosen Projekten festhalten
Dass selbst erfahrenen Führungskräften der Ausstieg manchmal schwerfällt, ist kein Zeichen mangelnder Rationalität, sondern ein solide erforschtes Entscheidungsmuster. Es zu verstehen, verbessert künftige Entscheidungsprozesse.
Die Grundannahme der «Prospect Theory» besagt, dass Menschen Verluste häufig stärker gewichten als gleich grosse Gewinne. Erleben Führungskräfte einen Projektabbruch als Verlust, führt die daraus resultierende Verlustaversion dazu, dass sie auch dann zur Fortführung tendieren, wenn die Faktenlage dagegen spricht.
Eine multinationale Untersuchung mit Teilnehmenden aus 19 Ländern bestätigt die empirische Basis der Prospect Theory: Wer einen Abbruch gedanklich als Verlust erlebt, ist anfälliger dafür, zusätzliche Risiken einzugehen, um diesen Verlust doch noch abzuwenden2.
Die sogenannte «sunk cost fallacy», im Deutschen häufig als Sunk-Cost-Effekt oder Versunkene-Kosten-Falle bezeichnet, beschreibt die Tendenz, ein Vorhaben fortzusetzen, weil bereits finanzielle Mittel, Zeit oder Energie hineingeflossen sind3.
Ökonomisch betrachtet sind vergangene Investitionen für zukünftige Entscheidungen irrelevant – sie sind bereits «versunken». Massgeblich sind allein der erwartete Nutzen und künftige Kosten.
Ein Ausdruck des Irrtums versunkener Kosten ist das «eskalierende Commitment»: das Muster, einen einmal eingeschlagenen Kurs auch dann weiterzuverfolgen, wenn neue Informationen dagegen sprechen4.
Wer persönlich für die ursprüngliche Weichenstellung verantwortlich ist, rechtfertigt seine Entscheidung oft nachträglich, um Fehler nicht eingestehen zu müssen5. Je öffentlicher das Commitment, desto schwieriger die objektive Neubewertung.
Als weiterer Mechanismus wirkt die Präferenz für die ursprünglich gewählte Option: Wer sich einmal für ein Vorhaben entschieden hat, bewertet diese Entscheidung im Nachhinein häufig positiver und neigt eher dazu, an ihr festzuhalten6.
An einem eingeschlagenen Kurs festzuhalten kann auch reputationslogisch attraktiv sein: Dritte nehmen Führungskräfte, die eskalieren, als vertrauenswürdiger und integrer wahr und schätzen sie wohlwollender als jene, die konsequent aussteigen7.
Das erklärt, warum das Festhalten an Projekten in Organisationen so zäh sein kann: Wer stoppt, handelt unter Umständen ökonomisch vernünftig, riskiert aber zugleich, dass andere ihn oder sie als inkonsequent, wenig standhaft oder nicht belastbar wahrnehmen.
Organisationspolitische Aspekte spielen eine weitere Rolle. Wenn Projekte zu Machtressourcen, Karrierevehikeln oder Identifikationspunkten werden, gefährdet ein Projektabbruch nicht nur das Vorhaben selbst, sondern auch Positionen, Einfluss und Selbstbild der Beteiligten.
Wachstumsprojekte sind besonders anfällig für eskalierendes Festhalten
Die Kombination aus verlustorientierter Rahmung, persönlicher Verantwortung, Präferenz für die Anfangsentscheidung und sozialen Dynamiken macht gerade Wachstumsprojekte anfällig für ein Festhalten über den vernünftigen Zeitpunkt hinaus. Besonders heikel wird es bei Lieblingsprojekten der Geschäftsleitung, deren Stopp niemand anzuregen wagt.
Darüber hinaus stehen Wachstumsprojekte von Natur aus für Aufbruch, Zuversicht und Ambition. Diese positive Erwartungshaltung erschwert es, frühe Warnsignale nüchtern zu gewichten.
Wann Dranbleiben richtig ist – und wann nicht
Diese psychologischen Mechanismen bedeuten nicht, dass Durchhaltevermögen falsch ist. Wachstum erfordert oft einen langen Atem und das Überwinden von Durststrecken. Wer zu früh stoppt, verschenkt ebenso Potenzial wie jene, die zu spät aussteigen.
Massgebend ist die Fähigkeit zur Differenzierung: Wann ist Dranbleiben gerechtfertigt, und wann führt es in die Irre?
Die «Restart-Frage» trennt diese beiden Fälle zuverlässig: Würden wir dieses Projekt – ohne Rücksicht auf das bereits Investierte – mit dem heutigen Wissen erneut starten? Lautet die ehrliche Antwort Nein, ist der Stopp fällig. Lautet sie Ja, lohnt es sich, dranzubleiben.
Konkret spricht für einen Abbruch, wenn Daten die strategische Kernannahme des Business Case widerlegen, das Projekt definierte Schwellenwerte ohne glaubwürdigen Erholungspfad überschreitet oder dieselben Mittel anderswo nachweislich mehr Wert schaffen.
Für die Fortführung spricht, wenn die Grundannahmen intakt sind, die Abweichung erklärbar ist und ein realistischer Weg zum Ziel besteht. Den Ausschlag geben aber die Faktenlage und der erwartete künftige Nutzen, nicht die bereits ausgegebene Summe.
Der wirksamste Hebel liegt vor dem Start
Je früher das Team Korrekturen vornimmt, desto günstiger sind sie. Anpassungen in der Konzeptphase kosten deutlich weniger Geld und emotionale Energie als in späteren Projektphasen.
Insbesondere bei Wachstumsinitiativen greift der wirksamste Hebel gegen Zombie-Projekte vor der Freigabe des ersten Budgets.
Eine strukturierte Opportunitätsanalyse, wie sie auch die ganzheitliche Business-Development-Methodik von consign vorsieht, schafft hier die nötige Grundlage. Sie leitet Erfolgspotenziale aus nachgewiesenem Bedarf ab, bewertet und priorisiert die vielversprechendsten Optionen und übersetzt sie in einen belastbaren Business Case.
Auch die Entscheidungsforschung empfiehlt als erste Massnahme gegen späteres Festhalten, Optionen intensiv abzuwägen, bevor man sich festlegt9. Wer die erfolgversprechendste Option erst nach gründlicher Prüfung wählt, senkt nicht nur das Risiko eines Fehlstarts, sondern auch den emotionalen Druck, eine voreilige Entscheidung später rechtfertigen zu müssen.
Ein zentraler, erfahrungsgemäss häufig nicht mit der erforderlichen Konsequenz umgesetzter Schritt ist die systematische Bewertung strategischer Optionen, auf die wir in einem in Kürze erscheinenden Blogartikel vertieft eingehen.
consign verwendet dafür ein eigens entwickeltes Instrument. Dessen Leitgedanke ist ein nüchterner Vergleich mehrerer Handlungsoptionen anhand klarer Kriterien, die unternehmensspezifisch festgelegt werden können.
In unserer Praxis haben sich folgende Kriterien bewährt:
- Strategische Passung
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Wirtschaftlichkeit
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Komplexität des Vorhabens
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Voraussichtlicher Einsatz zeitlicher und personeller Ressourcen
Eine Gegenüberstellung des Risikos, mit dem jeweiligen Projekt zu scheitern, ergänzt diese Dimensionen.
Das Instrument von consign ermöglicht es, jede strategische Option einzeln zu bewerten und stellt sie anschliessend visuell dar. Die resultierenden Einsichten relativieren nicht selten vorherige Annahmen, wie nachfolgendes Praxisbeispiel verdeutlicht.
Beispiel aus unserer Praxis
Der CEO eines Schweizer Handelsunternehmens stand vor der Aufgabe, aus einer Vielzahl strategischer Optionen die vielversprechendsten zu identifizieren. Sein Favorit war eine auf den ersten Blick lukrativ erscheinende Form der Expansion. Nach der Bewertung aller strategischen Optionen mit dem Instrument von consign bildete diese zuvor präferierte Option das Schlusslicht.
Zwar waren die zu erwartenden Umsätze hoch. Die nüchterne Bewertung anhand der definierten Kriterien zeigte jedoch: Die Umsetzung des Projekts wäre aufgrund spezifischer Rahmenbedingungen sehr komplex gewesen und hätte über längere Zeit erhebliche interne Ressourcen gebunden.
Gleichzeitig erwies sich das Risiko des Scheiterns als vergleichsweise hoch, während die strategische Passung eher gering ausfiel. Zudem machte die Bewertung erhebliche Opportunitätskosten sichtbar: Für andere, im Rahmen der Optionsbewertung als rasch realisierbar und wirkungsstark eingestufte Vorhaben stünden keine Ressourcen mehr zur Verfügung.
Steuern statt hoffen: methodische Bewertungskriterien
Die Fähigkeit, Projekte rechtzeitig zu stoppen, erfordert klare Bewertungskriterien und einen strukturierten Entscheidungsprozess. Emotionale Bindungen und psychologische Verzerrungen lassen sich nicht eliminieren – aber durch methodische Ansätze in ihrer Wirkung begrenzen.
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Kunden einbeziehen.
Der Einbezug von Kundinnen und Kunden erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit neuer Vorhaben und senkt das Risiko von Fehlentwicklungen. Wer externes Feedback früh einholt, erkennt rasch, welche Annahmen tragfähig sind und welche nicht8.
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Klare, messbare Ziele definieren.
Wer zu Beginn feste Zielgrössen festlegt, schafft einen objektiven Vergleichsmassstab9. Das Rückgrat einer wirkungsvollen Projektbewertung bilden überprüfbare Kennzahlen (z.B. Umsätze, Konversionsraten, Akquisitionskosten, Stückkosten).
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Kill-Kriterien definieren
Explizite Abbruchkriterien legen fest, unter welchen Bedingungen Verantwortliche ein Projekt stoppen – bevor emotionale Bindungen und versunkene Kosten die Entscheidung erschweren. Sie können quantitativer Natur sein («Wenn das Vertriebsteam nach 12 Monaten weniger als X Neukunden gewonnen hat») oder qualitativ («Wenn sich zeigt, dass regulatorischen Hürden unüberwindbar sind»).
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Go/Kill-Entscheidungspunkte festlegen
Klar definierte Phasen mit Entscheidungspunkten strukturieren Wachstumsprojekte. In der Innovationspraxis hat sich dafür der Stage-Gate-Ansatz etabliert: An jedem «Gate» entscheidet ein Gremium anhand vordefinierter Kriterien, ob es ein Vorhaben weiterführt, anpasst oder stoppt10. Das führt nachweislich zu einer besseren Projektselektion und höheren Erfolgswahrscheinlichkeiten11.
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Opportunitätskosten sichtbar machen
Die Opportunity-Cost-Analyse macht deutlich, welche Alternativen das aktuelle Projekt blockiert. Eine systematische Bewertung der Opportunitätskosten reduziert das Risiko, Alternativen auszublenden, und rückt die Vorteile eines Abbruchs ins Blickfeld.
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Projektinitiative und Abbruchsentscheidung trennen.
Über die Fortführung sollten andere Personen befinden als jene, die das Projekt initiiert haben9. Ein unabhängiges Gremium – im angelsächsischen Raum «Kill-Board» genannt – entpersonalisiert den Stopp und entschärft die Präferenz für die Anfangsentscheidung.
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Regelmässige Neubewertung vornehmen
Quartalsweise oder halbjährlich gleicht ein entscheidungsbefugtes Gremium den ursprünglichen Business Case mit aktuellen Erkenntnissen ab, misst den Fortschritt an den vereinbarten Kennzahlen und befindet über Weiterführen, Anpassen oder Stoppen.
Bei der Neubewertung ist eine saubere Trennung der Optionen wichtig: Ein «Weiter so» ist eine ebenso aktive Entscheidung wie ein Abbruch und verlangt dieselbe Begründung.
Das Team auf den Stopp vorbereiten
Entscheidend ist die kulturelle Verankerung dieser Methoden. Mitarbeitende dürfen sie nicht als bürokratische Hürden wahrnehmen, sondern als Instrumente zur Risikoreduktion und Ressourcenoptimierung.
Die Akzeptanz wächst, wenn die Führung Projektabbrüche nicht als Scheitern stigmatisiert, sondern als kompetente strategische Entscheidungen anerkennt und vermittelt, dass ein Abbruch ein legitimes, von Anfang an mitgedachtes Ergebnis ist.
Unserer Erfahrung nach hat das einen positiven Nebeneffekt: Projektteams halten das am Beginn eines Projektes bestehende Momentum eher aufrecht, wenn sie wissen, dass beim Überschreiten vorab definierter Schwellenwerte ein Stopp droht.
Ausserdem: Wenn die Geschäftsleitung den disziplinierten Abbruch eines aussichtslosen Vorhabens sichtbar anerkennt und ihn als Befreiung von Ressourcen würdigt, statt ihn zu sanktionieren, sinkt die Hemmschwelle, unbequeme Befunde früh zu benennen.
Wirksam sind insbesondere drei Vorgehensweisen:
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Die Kill-Kriterien bereits beim Projektstart transparent kommunizieren, dokumentieren und mit den Entscheidungspunkten verknüpfen.
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Mögliche Stopp-Szenarien in einer kurzen Vorausschau – im Projektmanagement als Pre-Mortem bekannt – durchspielen. Das nimmt einem späteren Abbruch die Schärfe, weil das Team das Szenario bereits gedanklich vorweggenommen hat.
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Lehren aus beendeten Projekten festhalten und sie teilen, statt sie zu verschweigen.
So wird der Stopp zu einer von Beginn an eingeplanten Handlungsoption statt zur Niederlage. Es entsteht ein Umfeld, in dem niemand den Satz «Wir sollten hier aussteigen» als Affront, sondern ihn als konstruktiver Beitrag zur gemeinsamen Zukunftssicherung versteht.
Wie gestoppte Projekte zu strategischen Chancen werden
Ein Projektabbruch entfaltet seinen strategischen Wert nicht allein durch das Beenden eines Vorhabens. Ebenso wichtig ist der Umgang mit frei gewordenen Ressourcen und gewonnenen Erkenntnissen.
Neue Handlungsspielräume gezielt nutzen
Ein Projektabbruch ist kein Endpunkt, sondern ein Wendepunkt: Er setzt Budgets sowie Fach- und Führungskräfte sofort für erfolgversprechendere Vorhaben frei.
Transparent kommuniziert, demonstriert ein Projektabbruch strategische Kompetenz und Entscheidungsfähigkeit. Die Botschaft lautet nicht «Wir sind gescheitert», sondern «Wir haben erkannt, dass unsere Ressourcen an anderer Stelle einen höheren Wertbeitrag leisten, und handeln entsprechend».
Für die anschliessende Allokation freigewordener Ressourcen sollte die Führung zentrale Fragen beantworten:
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Welche Initiativen versprechen den höchsten strategischen Wertbeitrag?
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Wo bestehen die grössten Marktchancen?
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Welche Projekte passen optimal zu den Kernkompetenzen der Organisation?
Je nachdem, wie viel Zeit seit der ursprünglichen Bewertung der strategischen Optionen vergangen ist, kann es an diesem Punkt sinnvoll sein, die Bewertung zu aktualisieren und erneut durchzuführen.
Durch die Neupriorisierung des Projektportfolios wird sichtbar: Die Führung belässt Ressourcen nicht in aussichtslosen Projekten, sondern setzt sie sinnvoll neu ein. Das macht aus einem vermeintlichen Verlust eine strategische Chance.
Projektabbrüche als Treiber organisationaler Lernfähigkeit
Die systematische Auswertung gescheiterter oder gestoppter Projekte generiert wertvolles Wissen:
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Was waren die Frühwarnsignale?
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Welche Annahmen haben sich als falsch erwiesen?
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Welche Bewertungsmethoden haben funktioniert, welche nicht?
Diese Erkenntnisse fliessen in die Bewertung zukünftiger Initiativen ein, erhöhen deren Erfolgswahrscheinlichkeit und beschleunigen Lernzyklen.
Wie eine Organisation mit gestoppten Projekten umgeht, prägt massgeblich ihre Lernfähigkeit. Tabuisieren Führungskräfte Abbrüche und interpretieren sie als persönliches Versagen, entsteht eine Kultur der Risikoaversion und des defensiven Agierens.
Verstehen Mitarbeitende sie hingegen als normale Begleiterscheinung professioneller Projektführung, entsteht Raum für Innovation und unternehmerisches Denken. Sie trauen sich, neue Wege zu gehen, weil klar ist: Ein Abbruch ist schlicht ein sinnvoller Korrekturschritt.
Organisationen, die eine systematische Lernkultur etablieren, fördern eine sachliche Auseinandersetzung mit Risiken und bauen kontinuierlich ihre strategische Kompetenz aus.
Weshalb der Blick von aussen entscheidend sein kann
Wo interne Dynamiken die nüchterne Bewertung erschweren, kann eine neutrale Aussenperspektive den Ausschlag geben. Das Einbinden externer Perspektiven hilft, organisationsinterne Verzerrungen zu begrenzen.
Externe Partner sind nicht an frühere Entscheidungen gebunden, moderieren Entscheidungspunkte unvoreingenommen und bringen die Methodik mit, um Optionen zu bewerten, Kill-Kriterien zu definieren und das Projektportfolio strukturiert zu steuern.
Ihre Distanz zum Projekt und zur Organisation ermöglicht oft einen klareren Blick auf die tatsächliche Situation. Sie sind in der Lage, die Fortführungsfrage frei von Selbstrechtfertigung zu stellen.
Die Grenzen einer solchen Zusammenarbeit sind allerdings ebenso klar: Ist die Führung nicht bereit, Lieblingsprojekte zu hinterfragen oder bei eindeutiger Faktenlage zu handeln, bleibt auch der beste externe Impuls wirkungslos. Externe Unterstützung ersetzt nicht den Entscheid – sie macht ihn leichter und schneller.
Fazit
Der rechtzeitige Abbruch aussichtsloser Projekte ist keine Kapitulation, sondern Ausdruck strategischer Reife. Er setzt voraus, dass Entscheiderinnen und Entscheider die psychologischen Fallstricke kennen und methodische Bewertungskriterien anwenden.
Wer Optionen vor dem Start sauber bewertet, Opportunitätskosten offenlegt, Projekte an klaren KPIs misst, Kill-Kriterien im Voraus festlegt und die Entscheidung über die Fortführung von persönlicher Verantwortung entkoppelt, verwandelt das schmerzhafte «Kill your Darlings» in eine Routine der Stärke.
Diese Haltung erfordert Disziplin in der Projektbewertung und Mut in der Entscheidung – beides Eigenschaften, die erfolgreiche Wachstumsunternehmen auszeichnen.
Die Kunst besteht nicht darin, niemals zu scheitern oder Fehlschläge zu vermeiden. Sie besteht darin, rechtzeitig zu erkennen, wann Durchhalten zur Ressourcenverschwendung wird, und die gewonnenen Erkenntnisse in zukünftige Erfolge zu übersetzen. In einer Zeit beschränkter Ressourcen und dynamischer Märkte wird diese Fähigkeit zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Quellen:
1 Atlassian. (2026). Brain drain: Are Zombie Projects eating your team's productivity alive? Inside Atlassian. https://www.atlassian.com/blog/productivity/zombie-projects
2 Kahneman, D., & Tversky, A. (1979). Prospect theory: An analysis of decision under risk. Econometrica, 47(2), 263–291. Ergänzend: Ruggeri, K. et al. (2020). Replicating patterns of prospect theory for decision under risk. Nature Human Behaviour, 4(6).
3 Arkes, H. R., & Blumer, C. (1985). The psychology of sunk cost. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 35(1).
4 Staw, B. M. (1976). Knee-deep in the big muddy: A study of escalating commitment to a chosen course of action. Organizational Behavior and Human Performance, 16(1).
5 Ziegler, Soucek & Moser (2020), Eskalierendes Commitment, Report Psychologie 45(6).
6 Martens, N., & Orzen, H. (2021). Escalating commitment to a failing course of action—A re-examination. European Economic Review, 137, Article 103811.
7 Dorison, C. A., Umphres, C. K., & Lerner, J. S. (2022). Staying the course: Decision makers who escalate commitment are trusted and trustworthy. Journal of Experimental Psychology: General, 151(4).
8 Cui, A. S., & Wu, F. (2017). The impact of customer involvement on new product development: Contingent and substitutive effects. Journal of Product Innovation Management, 34(1).
9 Moser, K., Wolff, H.-G., Soucek, R., & Ziegler, M. (2020). Deeskalationstechniken: Ein Überblick. Report Psychologie, 45(6).
10 Cooper, R. G., & Kleinschmidt, E. J. (1993). Screening new products for potential winners. Long Range Planning, 26(6).
11 Schultz, C., Globocnik, D., Kock, A., & Salomo, S. (2019). Application and performance impact of stage–gate systems: The role services in the firm’s business focus. R&D Management, 49(4).

